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Schmelztiegel der Moderne

Das Wien der Jahrhundertwende war ein Schmelztiegel des Vielvölkerreiches der Habsburger und wurde wohl auch gerade deshalb zum Zentrum der Moderne. Die darstellende und die angewandte Kunst aus dieser Epoche gibt bis heute beredtes Zeugnis davon – und ist weltweit hochbegehrt. Das zeigt sich auch in der Salzburger Residenz, wo besondere Prachtstücke auf die nationalen, wie internationalen Gäste warten.

Meister der Expression

1890 in Tulln geboren, gilt Egon Schiele gemeinsam mit Gustav Klimt und Oskar Kokoschka als Paradekünstler für die Epoche „Wien um 1900“. Auch wenn Schiele seine Herkunft aus der Tradition der Wiener Secession und dem Einfluss Klimts nicht leugnen kann, geht seine Kunst in ihrer schonungslos existenziellen Expressivität doch deutlich darüber hinaus. Wie großartig er es schaffte, mit wenigen Strichen eine Figur immens ausdrucksstark und plastisch entstehen zu lassen, zeigt die „Sitzende Frau mit Hut“, die er 1917, ein Jahr vor seinem frühen Tod, mit schwarzer Kreide aufs Papier warf (Galerie bei der Albertina ▪︎ Zetter).

Blaues Glaswunder

In Klostermühle (Klášterský Mlýn) in Böhmen lag die berühmte Glasmanufaktur Johann Loetz Witwe, für die der geborene Wiener Hans Bolek, ein ehemaliger Schüler Josef Hoffmanns und späterer Architekt, in den Jahren 1912 bis 1917 zahlreiche Form- und Dekorentwürfe lieferte. Im Vorfeld der Werkbundausstellung in Köln, 1914, setzte er sich intensiv mit der historischen Gefäßform des Pokals auseinander, wovon einige für diese Leistungsschau realisierte Entwürfe zeugen, darunter der prachtvolle, bei Florian Kolhammer, art since the turn of the 20th century ausgestellte, „Blaue Pokal“ aus formgeblasenem und geätztem Glas.

Das Einzelstück

Aus dem mährischen Pirnitz, dem heutigen Brtnice in Tschechien, stammt Josef Hoffmann, eine Zentralfigur der angewandten Kunst der Jahrhundertwende und der Wiener Werkstätte. Diese Produktionsgemeinschaft bildender Künstler, 1903 von Hoffmann mitbegründet, erlebte eine höchst wechselvolle Geschichte, bis 1932 ihr Bankrott nicht mehr zu verhindern war. 1924 wurde eine Zigarettenschatulle aus 900er Silber gefertigt, die Hoffmann gemeinsam mit Philipp Häusler, der aus Panczowa in Ungarn stammte, entworfen hat. Die vom Kunsthaus Kende präsentierte Arbeit wurde nur einmal ausgeführt und besitzt noch ihr originales Innenleben. Im MAK befindet sich die Entwurfszeichnung dazu.

Hinter Gitter

Dass man selbst aus Wien hinaus und über den Tellerrand blickte, beweist ein Silbernes Körbchen mit Elfenbeingriff, das Josef Hoffmann für die Wiener Werkstätte um 1905 entwarf. Die Dekorvariante „Gitterwerk“ gehört zu Hoffmanns bekanntesten Entwürfen, der sich vermutlich des künstlerischen Austauschs mit Charles Rennie Mackintosh noch vor 1903 verdankt. Die starke Reduktion und die strenge Formensprache machen das Körbchen, angeboten von Kunsthandel Nikolaus Kolhammer, zu einem jener ikonischen Objekte aus Hoffmanns Frühzeit. Das makellos ausgeführte „Gitterwerk“ in durchbrochener Technik und der elegant geschnitzte Elfenbeingriff stehen dabei exemplarisch für die hohen Qualitätsansprüche der Wiener Werkstätte.

Sitzende Dame

Egon Schiele sei einer der „genialsten Zeichner aller Zeiten“. Davon war der Kunsthistoriker Otto Benesch, dessen Vater Heinrich ein großer Förderer und Sammler Schieles war, überzeugt. Schieles Vermögen, mit wenigen Strichen ganz präzise Physiognomie, Ausdruck und Emotion der von ihm Gezeichneten auszudrücken, bleibt singulär. Auch in der „Sitzenden Dame“, die aufgrund ähnlicher Blätter um 1914 zu datieren ist, kann man Schieles einzigartige Art der Linienführung exemplarisch erkennen (Kovacek Spiegelgasse Gemaelde Glas). Für Schiele war die menschliche Figur vor allem Ausdrucksträger, und so schrieb er 1911: „Ich glaube immer, daß die größten Maler Figuren malen.“

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